Tracht & Natur

Lebensräume für Honigbienen und Wildbienen in der Schweiz

Kurz erklärt

Honigbienen und Wildbienen nutzen dieselbe Landschaft mit unterschiedlichen Ansprüchen. Ein betreutes Honigbienenvolk braucht einen geeigneten Standort, erreichbares Wasser und kontinuierliche Tracht. Wildbienen benötigen zusätzlich artspezifische Niststrukturen nahe bei ihren Nahrungspflanzen. Ein tragfähiger Lebensraum verbindet diese Ressourcen über die ganze Saison.

Strukturreicher Schweizer Lebensraum mit Blüten, offenen Bodenstellen und Gehölzen für Honig- und Wildbienen
Bildquelle: Sum Bee Sum Redaktion

Ein Lebensraum muss zur jeweiligen Biene passen

Honigbienen und Wildbienen besuchen teilweise dieselben Blüten. Ihre Anforderungen an Nest, Aktionsradius, Überwinterung und Fortpflanzung unterscheiden sich erheblich.

Ein Honigbienenvolk lebt in der Schweiz meist in einer vom Menschen bereitgestellten Beute. Der Imker wählt den Standort, kontrolliert Vorräte und kann bei Bedarf eingreifen. Solitär lebende Wildbienen müssen Nahrung und Nistplatz selbst in derselben Landschaft finden. Viele Arten sind zusätzlich auf bestimmte Pflanzen oder Niststrukturen spezialisiert.

Eine wirksame Förderung beginnt daher mit einer konkreten Frage: Für welche Bienenart oder Bienengruppe soll der Lebensraum funktionieren?

Honigbienen brauchen eine tragfähige Landschaft

Der bereitgestellte Nistraum löst nur einen Teil der Standortfrage. Ein starkes Honigbienenvolk braucht über die Saison grosse Mengen Nektar oder Honigtau, Pollen und Wasser. Auch das Mikroklima am Stand beeinflusst seine Entwicklung.

Der Bienengesundheitsdienst empfiehlt ein vielfältiges Nektar- und Pollenangebot am Standort und in einem Umkreis von ungefähr 1,5 Kilometern. Windschutz, ein eher trockener Standort, ein mildes Mikroklima, geeigneter Schatten in heissen Perioden und eine günstige Fluglochausrichtung gehören ebenfalls zu seinen Kriterien. Eine übermässig hohe Bienendichte kann das verfügbare Nahrungsangebot zusätzlich belasten.

Honigbienen können mehrere Kilometer weit fliegen. Lange Sammelwege kosten Zeit und Energie. Ergiebige Tracht im näheren Umfeld verbessert deshalb die Versorgung des Volkes.

Was Tracht biologisch bedeutet, erklärt Tracht der Bienen: Woher kommen Nektar, Pollen und Honigtau?. Die saisonale Verteilung behandelt Das Trachtjahr in der Schweiz.

Wasser gehört zum Honigbienenstand

Honigbienen sammeln Wasser für Stoffwechselvorgänge, Brutversorgung und die Kühlung des Stocks. Der Bienengesundheitsdienst empfiehlt eine natürliche oder bereitgestellte Wasserquelle möglichst nahe am Stand und nennt ungefähr 100 Meter als günstige Distanz.

Eine Tränke braucht sichere Landeflächen und muss sauber gehalten werden. Für Wildbienen stehen in der allgemeinen Lebensraumplanung Nahrung und Niststrukturen stärker im Vordergrund. Einzelne Arten nutzen feuchte Erde oder mineralisches Material beim Nestbau; daraus lässt sich keine einheitliche Wasserstellen-Empfehlung für alle Wildbienen ableiten.

Wildbienen brauchen Nahrung und Nistplatz gleichzeitig

In der Schweiz sind über 600 Wildbienenarten nachgewiesen. Viele leben solitär. Ein Weibchen baut ein eigenes Nest, trägt Pollen und Nektar für die Larven ein und verschliesst die Brutzellen.

Das Bundesamt für Umwelt beschreibt für viele Arten kurze Sammeldistanzen. Kleine Arten entfernen sich teilweise höchstens ungefähr 100 Meter vom Nest, grössere Arten erreichen etwa 300 Meter. Mit wachsender Distanz sinkt die Zahl der möglichen Versorgungsflüge.

Über ein Drittel der Schweizer Bienenarten sammelt Pollen nur von bestimmten Pflanzenarten, Gattungen oder Familien. Solche Spezialisten brauchen ihre Nahrungspflanzen innerhalb des erreichbaren Radius. Eine beliebige Blumenmischung kann üppig aussehen und am Bedarf dieser Arten vorbeiblühen.

Standort, Boden, Blühzeit und die lokal vorkommenden Arten bestimmen deshalb, welche Pflanzen tatsächlich helfen.

Die meisten Wildbienen nisten nicht im Insektenhotel

Der Grossteil der einheimischen Wildbienenarten nistet unterirdisch. Sand-, Furchen- und Schmalbienen gehören zu den bekannten bodennistenden Gruppen.

Geeignete Strukturen können sein:

Andere Arten nutzen vorhandene Hohlräume, Käferfrassgänge in Totholz, hohle oder markhaltige Pflanzenstängel, Mauerspalten, Felsstrukturen oder leere Schneckengehäuse.

Offene Böden müssen langfristig nutzbar bleiben. Regelmässiges Umgraben, Verdichten, Mulchen oder vollständiges Überwachsen beendet ihre Funktion. Auch Totholz und Pflanzenstängel brauchen Zeit: In einem abgestorbenen Stängel kann im folgenden Frühjahr noch Brut liegen.

Ein Insektenhotel unterstützt nur jene Arten, deren Nistweise zu seinen Hohlräumen passt. Für die vielen Bodennister bietet es keinen Ersatz.

  • offene oder schwach bewachsene Bodenstellen,
  • sandige und mineralische Flächen,
  • trockene, sonnenexponierte Böschungen,
  • unversiegelte Wege.
Offene Bodenstelle als potenzieller Nistplatz für bodennistende Wildbienen
Bildquelle: Sum Bee Sum Redaktion

Kurze Wege und Vernetzung sichern den Nachwuchs

Ein solitäres Wildbienenweibchen versorgt seine Brut allein. Jeder zusätzliche Flugweg verringert die Zeit und Energie für weitere Brutzellen. Nahrungspflanzen und passende Niststrukturen müssen deshalb räumlich zusammenpassen.

Die Rote Liste beschreibt den Verlust und die Trennung dieser Ressourcen als wichtige Belastung. Hecken, Waldränder, extensive Wiesen, Brachen, Trockenstandorte und naturnahe Gärten können gemeinsam ein Netz bilden. Unterschiedliche Strukturen ergänzen sich dabei besser als gleichförmige Flächen.

Honigbienenvölker können grössere Distanzen über viele Sammlerinnen und ihre Kommunikation teilweise ausgleichen. Eine kleine, spezialisierte Wildbienenart ist stärker auf lokale Ressourcen angewiesen. So kann eine Landschaft ein Honigbienenvolk noch versorgen und für einzelne Wildbienenarten bereits ungeeignet sein.

Die Rote Liste zeigt den Handlungsbedarf

Die Rote Liste der Bienen der Schweiz bewertet 615 Arten. Davon stehen 279 Arten beziehungsweise 45,4 Prozent auf der Roten Liste. Besonders hoch ist der Anteil bei Blütenspezialisten, Bodennistern, im Sommer fliegenden Arten und Arten des Tieflandes.

Das BAFU nennt fehlende Blütenressourcen und Nistplätze als wesentliche Ursachen. Die Zahlen betreffen Wildbienen und beschreiben keine Gefährdungsquote Schweizer Honigbienenvölker. Die Honigbiene wird als Nutztier imkerlich betreut und ist dadurch anders einzuordnen.

Lebensräume im eigenen Umfeld verbessern

Wirksame Verbesserungen verbinden Nahrung, Niststrukturen und eine angepasste Pflege am jeweiligen Ort.

Im Garten

Ein Garten kann Nahrung und Niststrukturen verbinden. Standortgerechte einheimische Blütenpflanzen, verteilte Blühzeiten, offene Bodenstellen, Totholz und stehen gelassene Pflanzenstängel schaffen unterschiedliche Ressourcen. Wenig gestörte Bereiche und der Verzicht auf unnötige Insektizide erhalten sie.

Ein üblicher Privatgarten deckt den Nahrungsbedarf eines starken Honigbienenvolkes in der Regel nicht. Das Volk nutzt die weitere Landschaft. Für eine Wildbiene kann dieselbe Fläche besonders wertvoll sein, wenn Nahrung und geeigneter Nistplatz nahe beieinanderliegen.

Auf dem Balkon

Blühende Kräuter und geeignete Wildpflanzen können Nahrung bereitstellen. Mehrere Blühperioden erhöhen den Nutzen. Welche Wildbienen davon profitieren, hängt von den Arten und erreichbaren Nistplätzen in der Umgebung ab.

Ein Balkon bleibt ein Nahrungsbaustein im grösseren Lebensraumnetz. Kräuter leisten dazu einen Beitrag, wenn ein Teil bis zur Blüte stehen bleibt.

Im Siedlungsraum

Das BAFU berichtet von über 100 beobachteten Bienenarten in naturnahen Gärten des Mittellands. Ein Mosaik aus Blüten, offenen Böden, Gehölzen, alten Mauern, Totholz und ruhigen Bereichen kann zahlreiche Nischen schaffen.

Weniger Versiegelung und miteinander verbundene Grünflächen erhöhen den Wert solcher Strukturen. Bestehende Nistplätze verdienen dabei denselben Schutz wie neu angelegte Blühflächen.

In der Landschaft

Extensive Wiesen, Hecken, Waldränder, Trockenstandorte, Auen, Kiesflächen und Brachen erfüllen unterschiedliche Funktionen. Besonders artenreiche Wildbienengemeinschaften finden sich gemäss Roter Liste häufig in extensiv genutzten und topografisch vielfältigen Landschaften.

Eine einzelne Blühfläche ergänzt dieses Geflecht. Dauerhafte Strukturvielfalt und räumliche Vernetzung tragen den Lebensraum über die gesamte Saison.

Landwirtschaftliche Bewirtschaftung, Mahd, Pflanzenschutz und Bestäubungsleistung gehören in den späteren eigenen Wissensbereich Landwirtschaft und Bestäubung.

Honigbienendichte ersetzt keinen Lebensraum

Die Schweiz besitzt eine hohe Dichte an gehaltenen Honigbienenvölkern. Ein zusätzliches Volk vergrössert weder das Blütenangebot noch die Zahl der Nistplätze für Wildbienen.

Bei knappen Blütenressourcen kann Nahrungskonkurrenz zwischen bewirtschafteten Honigbienen und Wildbienen eine Rolle spielen. Agroscope weist zugleich auf verbleibende Wissenslücken hin und untersucht, unter welchen Bedingungen Konkurrenz entsteht und wie mögliche Auswirkungen begrenzt werden können.

Lebensraumförderung schafft zusätzliche Nahrungs- und Nistressourcen. Die Anzahl aufgestellter Honigbienenvölker eignet sich nicht als Massstab für Wildbienenvielfalt.

Pflanzenempfehlungen brauchen einen Standort

Boden, Feuchtigkeit, Licht, Höhenlage und Blühzeit beeinflussen den Wert einer Pflanze am konkreten Ort. Bei Wildbienen kommen artspezifische Pollenquellen und erreichbare Nistplätze hinzu.

Eine fachlich belastbare Empfehlung beginnt deshalb mit Standort und Zielarten. Erst danach folgt die Pflanzenwahl. Ein über die Saison verteiltes Angebot hilft mehr als eine kurze Blütenfülle mit langen Versorgungslücken davor und danach.

Schnell beantwortet

Häufige Fragen

Brauchen Honigbienen und Wildbienen denselben Lebensraum?

Teilweise. Beide brauchen Nahrung. Honigbienen leben meist in einer bereitgestellten Beute. Wildbienen benötigen zusätzlich artspezifische Nistplätze in erreichbarer Nähe ihrer Nahrung.

Wie weit fliegen Wildbienen?

Die Distanz hängt von Art und Körpergrösse ab. Kleine Arten entfernen sich teilweise höchstens ungefähr 100 Meter vom Nest, grössere Arten erreichen etwa 300 Meter.

Nisten die meisten Wildbienen in Insektenhotels?

Nein. Der Grossteil der Schweizer Wildbienenarten nistet im Boden. Insektenhotels helfen nur einem begrenzten Teil der oberirdisch nistenden Arten.

Welche Nistplätze brauchen bodennistende Wildbienen?

Je nach Art eignen sich offene oder schwach bewachsene Böden, sandige Flächen, trockene Böschungen oder unversiegelte Wege.

Hilft Totholz Wildbienen?

Bestimmte Arten nutzen vorhandene Hohlräume und Käferfrassgänge. Andere nisten in Pflanzenstängeln, im Boden oder in weiteren artspezifischen Strukturen.

Brauchen Honigbienen eine Wasserstelle?

Honigbienen sammeln Wasser aktiv. Ein natürliches Wasservorkommen oder eine sichere Tränke nahe am Stand unterstützt ihre Versorgung.

Reicht eine Blumenwiese für Wildbienen?

Eine Blumenwiese liefert Nahrung. Für einen vollständigen Lebensraum brauchen Wildbienen zusätzlich geeignete, erreichbare Nistplätze und artspezifisch passende Pollenquellen.

Ist ein Balkon für Wildbienen nützlich?

Er kann Nahrung bereitstellen. Der tatsächliche Nutzen hängt von den vorkommenden Arten und den erreichbaren Nistplätzen in der Umgebung ab.

Hilft es der Biodiversität, mehr Honigbienenvölker aufzustellen?

Ein zusätzliches Honigbienenvolk erzeugt keine neuen Blüten oder Nistplätze. Wildbienenförderung braucht passende Lebensraumstrukturen und Nahrung.

Wie viele Schweizer Wildbienenarten sind gefährdet?

Die Rote Liste 2024 bewertet 615 Arten. 279 davon, also 45,4 Prozent, stehen auf der Roten Liste.

Was ist für Wildbienen wichtiger: Nahrung oder Nistplatz?

Beides muss innerhalb einer erreichbaren Distanz vorhanden sein. Fehlt eine der beiden Ressourcen, können die Tiere ihren Nachwuchs dort nicht erfolgreich versorgen.

Fachliche Grundlagen